Was übrig bleibt sind wir: „Macbeth (P14)“ in der Volksbühne

MACBETH, bearbeitet von Heiner Müller, auf die Bühne gebracht von Silvia Rieger mit dem Jugendclub der Volksbühne P14, ist ein großartiges und anstrengendes Stück.

Der Raum ist erfüllt von Schreien. In der völligen Dunkelheit der Bühne sind sie nicht lokalisierbar und nicht verstehbar, weder bitten sie um Hilfe noch können sie überhaupt als Teil einer Handlung fiktionalisiert und entschärft werden. Sie kommen aus der Leere des Raums und gehen in ihn zurück, dazwischen lassen sie in unerträglicher Intensität und Dauer namenlose Körper erscheinen. Im Licht, das vom Notausgang hinter den Reihen kommt, sind die anderen Zuschauer als Schemen zu erkennen. Jede Salve von Schreien bildet sich hier ab als Rascheln, das durch die Reihen geht, Rücken schwanken, Blicke werden ausgetauscht, Stühle quietschen, es ist, als müsse man sich angesichts des Angriffs, der von vorne kommt, der Macht und des Schutzes vergewissern, den man als Teil der Zuschauerherde genießt. Spätestens als kurz danach der Zuschauerraum ausgeleuchtet wird (die Bühne bleibt dunkel), versteht man, dass dies ein wohlkalkulierter Teil der Inszenierung ist. Er bleibt nicht ohne Wirkung. Nach zwanzig Minuten, in denen das Schreien immer wieder aus den Darstellern bricht, verlässt über die Hälfte des Publikums den Saal. Regisseurin und Hauptdarstellerin Silvia Rieger unterbricht die Vorstellung um sie mit Beschimpfungen hinauszubegleiten.

Die, die für die weiteren zwei Stunden der P14-Fassung von Heiner Müllers Macbeth-Bearbeitung bleiben, erleben eine bis zum äußersten gewaltgeladene Inszenierung, die zugleich ein großes poetisches Gespür beweist. Denn inmitten der geschrienen oder gezischten, jedenfalls stimmlich durchgehend verfremdeten Monologe, der plötzlichen Bewegungen und des Rollens und Umherschleifens auf dem Bühnenboden, gelingt es, dass Macbeth jenseits bürgerlich-individualistischer Psychologisierung oder Anrufung des Allgemein-Menschlichen zur Geltung kommt. Die Inszenierung entpersonalisiert das Geschehen und verneint Handlung und Identifikation. Was stattdessen zum Vorschein kommt, ist zum Einen ein poetischer Text von seltsam unnahbarer Schönheit, der ähnlich unvermittelt im Raum steht, wie das Schreien der Akteure und sich immer wieder in diesem verliert. Im Sinne dieses Effekts – und nicht etwa, um der Handlung zu folgen – lohnt es sich sehr, das Stück vorher zu lesen. Dann kann man staunen, wie es die Inszenierung schafft, selbst den belanglosen Höflichkeitsformeln bei König Duncans Ankunft auf dem Schloss der Macbeths („Kein Vorsprung, Fries noch Pfeiler, in der die Schwalbe nicht ihr Nest gebaut“) eine abgründige Groteskheit zu verleihen, oder wie Sten Jackolis mit leerem Blick und zu großem Soldatenmantel den Monolog des Torwächters mit so vollendeter Beckettscher Lethargie vorträgt, dass es scheint, als fände da das 20. Jahrhundert unter den eigenen Trümmern einen lange nicht mehr lustigen Scherz.

Denn dies ist die zweite Dimension, die die konsequent antipersonale und antipsychologische Spielweise aus den Tiefen des Textes zutage fördert: das Historische. Der kinderlose Macbeth ermordet den König, muss sodann jedoch auch seine Kinder ermorden, um die Lücke zwischen success und succession zu schließen, also zwischen dem (rein pragmatischen) Erfolg seiner Herrschaft und ihrer Legitimation durch die Einbettung in eine Erblinie und damit die kosmologische Ordnung. Der Inszenierung gelingt es in Form einer permanenten Gänsehaut, den Zuschauer mit dem Substrat einer gewaltvollen geschichtlichen Transformation zu konfrontieren, nämlich des Übergangs von traditionaler, kosmologisch und religiös begründeter Herrschaft zur frühmodernen Form staatlicher Souveränität. In letzterer ist die Legitimation der Herrschaft ebenso immanent wie redundant, sie besteht im Grunde nur noch in der Wirksamkeit ihrer Verfügung über die Gewaltmittel. Das Leben nach dem Tode, sagt Macbeth, „vielleicht kommt keins“; und: „Ich habe nur diesen Ehrgeiz“. Wenn im Reich des Macbeth die Eule den Falken jagt und die Pferde des Duncan in der Nacht seines Todes beginnen, sich gegenseitig aufzufressen, verlieren sich die organischen Metaphern der Macht und ihre legitimen Hierarchien im Absurden. Die Politik wird stattdessen – so legt es das Programmheft anhand ausführlicher Zitate von Foucault, Heiner Müller und Gudrun Ensslin nahe – zur Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln, die immanente Macht findet im Staat ihr ‚Königreich der Mittel‘, das austauschbare Individuen hervorbringt, wie die von Judith Gailer und Johannes Gäde kongenial gespielten Häscher des Macbeth, die ihre Morde in Resignation und Langeweile begehen. Die Angst ist also begründet. Und wie das Stück die schlussendliche Wiedereinsetzung des kosmologischen Rechts durch Malcolm, den Sohn des Königs, konsequenterweise ausspart, bleibt auch dem Betrachter die Auflösung ins Transzendente versperrt. „Was übrig bleibt, sind wir“ heißt es an einer Stelle, die Immanenz als Schrecken und Aufgabe.

Es ist das große Verdienst des Stückes, diesen Zusammenhang nicht durch Referenzen oder Requisiten herzustellen (Macbeth als Gauleiter oder Chef des Währungsfonds, o.ä.), sondern ihn mit viel größerer Wirksamkeit allein durch die unberechenbaren Körper, den kargen Raum und den verfremdeten Text spürbar zu machen. Groß auch, dass das Publikum, ganz entsprechend der Anlage des Stücks, selbst zum Gegenstand der Aufführung wird, und die Grenzen zwischen Fiktion und Situation verschwimmen, ohne dass es dafür interaktive Spielereien braucht. Leider ist es gerade dieses Moment, das durch die Gewöhnung an das Verfahren des Stückes im Laufe der zweieinhalb Stunden nachlässt, eine Dreiviertelstunde weniger wäre hier wohl mehr gewesen. Silvia Rieger als Macbeth ist für das Gelingen der Inszenierung mit ihrer irrwitzigen Bühnenpräsenz zentral, das Spiel der gerade mal 16-jährigen Judith Gailer steht ihr aber in absolut bemerkenswerter Weise in keiner Hinsicht nach; sie ist der heimliche Star des Abends. Blass bleibt hingegen Lady Macbeth, was angesichts ihrer zentralen Rolle schade ist, aber von den anderen, vor allem Rieger in den entsprechenden Szenen aufgefangen wird. Insgesamt bleibt ein sehr profundes Gefühl der Schwere von diesem Abend zurück, das sich – und das im allerbesten Sinne – aus der Unentrinnbarkeit des Gesehenen speist.

Weitere Vorstellungen am 15. und 17. November, jew. 19:00, Eintritt 6/4€

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Ein Gedanke zu “Was übrig bleibt sind wir: „Macbeth (P14)“ in der Volksbühne

  1. Zum Glück stellte sich das Geschehen doch als entrinnbar heraus (durch die Ausgangstür), und das Gefühl der Schwere stellte sich beim ersatzweisen Restaurantbesuch zwar nicht sehr profund, dafür aber umso bekömmlicher ein.

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