„Scheppernde Antworten auf dröhnende Fragen“ im Ballhaus Naunynstraße

Road-Movie, Laufsteg-Model im Loop, Fußball-Doku – Drei Inszenierungen junger Regisseurinnen.

Hunting von Trier“ von Nora Abdel-Maksoud

Zwei junge Schauspielerinnen schreien, posen, grimassieren auf einem offenen Cabriolet und zielen mit Pappknarre auf Lars von Trier, der die beiden filmt und immer abwegigere Anweisungen gibt: Statt Gangster zu geben, sollen sie effiminiert und dümmlich-lasziv in die Kamera fluchen, dabei den Colt in den Mund nehmen. Schließlich fällt aber ein Schuss und Lars von Trier stirbt. Daraufhin fliehen die beiden im Cabrio, wippen kreischend über extrem kurvige Straßen und begegnen Stars mit prä-emanzipatorischen Weltbildern, wie zum Beispiel der besoffenen Brigitte Bardot, die schließlich vom Auto eingesaugt wird, bevor die Fahrt weiter geht, die letztendlich doch genauso von Lars von Trier geplant war, den die beiden Schauspielerinnen aber schließlich fertig machen, die nach ein bisschen biographischer Preisgabe sich selbst gefunden haben.

Die Road-Movie-Struktur ermöglicht eine Menge Klamauk, der meistens platt und uninterssant ist, dann jedoch von Lea Willkowksy und Eva Bay gerettet wird, die zunächst wie zwei Fremdkörper auf der Bühne wirken, während sich am Ende das gesamte Spektakel um das attitüdenlos energische Spiel der beiden zu ordnen scheint. Anne Haug albert hin und her zwischen Rollen, die an ihr wie unförmige Klamotten wirken. Das ist ein cartoonartiger Schwank plus Rock, überladen von hektischen bis ungeschickten Cuts und ständiger Fiktionsanzeige (in Richtung „hex, hex!“), aber keine besonders ergiebige Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen in Film und Theater. Zwar ist die Perspektive alles andere als eine männliche, Gender-Problematik (und darum geht’s bei allen drei Inszenierungen) wird aber eher zitiert als bearbeitet /anschaulich gemacht. Kurz davor gut zu sein, bremst „Hunting von Trier“ quietschend.

Mein Ruh ist hin, Mein Herz ist schwer. Hallo Revolutionär!“ von Theresa Henning

Vom Hauptsaal geht’s runter in den Keller, wo Elmira Bahrami als Model den Bühnen-Laufsteg hoch und runter stakt, immer öfter haarsträubend stolpert und die Zuschauer auf beiden Seiten der Rampe anstarrt. Mit klaustrophobischem Blick und versiegeltem Mund durchläuft sie die Zuschauerreihen, versucht schließlich, dem Raum zu entkommen, rüttelt vergeblich an Tür und Fenster und muss wohl oder übel auf den Laufsteg zurück, in die Mitte der quälenden Blicke. Es folgt eine Collage aus Fragmenten der Gretchentragödie, Umzieh-Episoden plus Tanzeinlagen. Die gekonnten Wort-, Geräusch und Musik-Teppichen aus der Loop-Maschine stechen dabei heraus. Voyeurismus, die Frau als Objekt, der Zwang zur Selbstdarstellung, das Fehlen von Identität, viel Verzweiflung – worum es hier geht ist klar, warum das gerade so in einer zu Nummern zerpflückten, wirren Performance umgesetzt wird, bleibt ein Rätsel. Die Peformerin spielt erst gekonnt mit dem Blick, um plötzlich nur noch mit Klängen zu arbeiten, verzichter auf jede Art von Rhythmik, um schließlich ein brillantes rythmisches Solo zu präsentieren, bringt lahmes Gehampel und Umgeziehe neben Zirkus-Tricks. Das ließe sich verkraften, bliebe einem dieses Ende erspart: Zunächst sehen wir auf der Leinwand eine rasche Weltschmerz-Horror-Bildfolge zu einer Lawine aus Lärm, was plötzlich umschwenkt in Revolutionskitsch, unterlegt von Keny Arkanas pathetischem Rap. Jetzt ist das Model befreit, reißt die Fenster auf, Licht dringt in den Raum und die Zuschauer dürfen klatschen.

Run brother run“ Salomé Dastmalchi

Der Hauptsaal hat sich derweil in die Umkleidekabine der deutschen Fußballnationalmannschaft verwandelt. Drei Spieler, deren Zuordnung nicht so reibungslos klappt, streiten in der Halbzeitpause im Spiel der WM 2006 gegen Italien darüber, wer wie gut spielt, tauschen Paninibilder, machen Schwanzvergleiche und zeigen am Ende ihre Gefühle. Das klingt ziemlich stumpf, findet aber (zunächst) eine witzige und immer wieder überraschend gute Umsetzung. Nacheinander werden die Spieler über Video-Trailer eingeführt: Der erste stolziert durch eine geleckte Werbekampagne, die einem gleich sehr bekannt vorkommt, der zweite zeigt als sonnenbebrillter Macho die heimische Villa mit Kindern und Frau, der er ständig auf den Po haut und der dritte gibt ein fahriges Interview über seine Nominierung zum Stammtorwart, das, wenn nicht sogar originalgetreu montiert, so doch zumindest austauschbar bleibt. Gerade diese verschiedenen Modi der Selbstdarstellung der Fußballwelt machen Lust auf mehr, weil sich die Inszenierung hier nicht zu viel vorgenommen hat, sondern die eigenen Mittel gekonnt einsetzt. Und sie zeigt auch: Boulevard-Theater kann so schön sein, wenn es auf kleinbürgerliche, normative, diskriminierende Scheiße verzichtet.

Die drei Darstellerinnen schwanken in ihrem Spiel zwischen plumpem Männerklischee und subtiler Darstellung männlich konnotierter Ausdrucks- und Verhaltensweisen, wie z.B. einer steifen Vernünftigkeitspose des Torwarts. Die Art und Weise, wie Männlichkeit sich im Umgang mit Schwäche konstituiert, wäre ein spannendes Thema. Dem aber mittels dokumentarischen Materials am Ende plötzlich Tragik abgewinnen zu wollen (dieser Abend steht im Zeichen der kruden Volte), wirkt bemüht bis blöd. Für den gesamten Abend gilt: Die Antworten scheppern schon, bevor die Fragen zu dröhnen angefangen haben.

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