Foreign Affairs (V) – FC Bergmann ist FA-Meister! Jetzt: „300el x50el x30el“ und Rodrigo Garcías „Gólgota Picnic“ in der Analyse.

„Wir wollen Projekte machen über Menschen, die sich bemühen ihr Leben zu gestalten, und immer wieder scheitern.“ [1]

Das Projekt, das aus diesem Satz entstand, ist 300el x50el x30el von einer Theatergruppe aus Antwerpen, deren Name es sich zu merken gilt: FC Bergman.
FC, weil ihnen die Idee eines Clubs, indem Menschen gemeinsam etwas unternehmen, gefiel und zugleich den nach eigenen Aussagen „naiven Gedanken“ eines Kollektivs aus Gleichberechtigten verwirft, da man immer „als Company“ endet, „in der jeder ihre oder seine Rolle hat.“ [1]
Bergmann, weil es Ingmar gab und Film einen großen Einfluss nimmt auf die Company, die auf den Gipfel des Berges strebt, um einen besseren Blick auf die Welt zu haben.

Anstelle von Worten nutzen FC Bergman Bilder und erzählen damit in ihrem neuen Werk Geschichten, die nicht konkret sind, und so durch eigene Gedanken des_der Zuschauenden ergänzt werden, da sie nicht vor-form-uliert wurden durch Sprache und somit in keine bestimmte Richtung lenken können.
Gelenkt wird eine Kamera, die das Geschehen auf der Bühne umkreist und Einblicke in das Innenleben von sechs kleinen Holzhütten gewährt, die dann auf eine Leinwand projiziert werden. Die Kamera als unser zweites Auge zeigt uns, was wir als Zuschauer_innen von außen nicht sehen. Wir sehen links und rechts die Verschläge der Hütten, im Hintergrund ein Nadelwald und im Bühnenzentrum den leeren Dorfplatz. Lediglich ein Angler sitzt auf der Vorderbühne an einem Tümpel und raucht, weil es nichts zu fischen gibt. Es ist die perfekte Illusion, die sich unmittelbar vor unserem eigenen Auge ausbreitet. Sozusagen eine Renaissance des naturalistischen Theaters – diesmal ohne Worte.

Wir befinden uns weit im Norden. Vivaldi läutet musikalisch den Winter ein. Der Duft des Waldes, des Bodens und des Tümpels dringt bis in die ersten Zuschauerreihen vor, und ein Greis flieht langsam aus seiner Hütte. In der zweiten Hütte zeigt die Kamera eine Familie, die versucht Abend zu essen, eine Hütte weiter versucht die Mutter ihre Tochter am Klavier zu dirigieren und unter ihrer ermüdenden Regentschaft zu halten, ein Ehepaar versucht der Einsamkeit durch lustvolles Treiben zu entgehen, während die phallische Potenz erschlafft rumhängt und weder Natur über der Toilettenschüssel rauskommt, noch das Lauschen am Telefon die Manneskraft erhebt. Junge Männer trinken und warten und spielen sich in Tell’scher Manier blutig, während nebenan der einsame Soldat nach einem strategischen Befreiungsschlag aus dem sinnlos gewordenen Leben sucht.

„Es gibt keinen übergeordneten Plan, an den wir uns zu halten haben. Dinge geschehen, und am Ende sind wir alle verschwunden.“ [1]

Das Schöne in 300el x50el x30el liegt nicht so sehr im Scheitern der Figuren, die scheinbar keine Möglichkeiten haben etwas aus ihrem Leben zu machen, sondern darin, dass sie sich bemühen.
Das zweite Auge in das private Innere reflektiert die Machbarkeit des Lebens, das Gemachte gesellschaftlicher, familiärer Strukturen. Gefügig ergeben sich die Dorfbewohner ihrem Schicksal christliche Lämmer zu sein. Erst wenn die Natur durchbricht, ein Rauschen und Grollen durch die Wälder (im Theater!) braust, treten sie ins Freie auf den Dorfplatz, unmittelbar vor unsere Augen, vor die Öffentlichkeit, und blicken sehnsuchtsvoll nach oben. Dort hängt ein Lamm, ersoffen im Tümpel. Wie Befreite wirken sie und kehren der Freiheit den Rücken zu, um sich erneut zurückzuziehen in die kleinen Gefängnisse. Das, was wir Heim nennen, dort, wo uns ein zweites Auge die Welt nach Hause bringt. Die Zuschauer_innen blicken wieder nach oben. Dort hängt die Leinwand.

FC Bergman schafft Bilder, die sich tief ins Gedächtnisse einbrennen und haften bleiben, weil sie originär sind, Geschichten erzählen, die eigen und fremd sind, und sich nicht nähren aus bereits Gesehenem, sondern auf beeindruckende Weise in aller Frische eindringlich beleben, weil das Theater bei FC Bergman zu einer neuen, lebendigen Kunstform geworden ist.
Daneben verblassen die collagierten Bilder in postmoderner Horrorästhetik von Òmarsdóttir We saw Monsters endgültig. Auch von We love Africa bleibt plötzlich nur noch ein Funken sinnloser innerpsychischer Gewalt im Trashgewand übrig.

Gólgota Picnic von Rodrigo García greift auf eines der ältesten Bilder in unserer westlichen Zivilisation zurück: die Ikonografie Christi, verewigt durch Rubens, Grünewald, Giotto, undundund bis in alle Ewigkeit. Jesus wird in Gólgota Picnic zum Demagogen, der nie gearbeitet hat, zum AIDS-Messias und Pyromanen, der nicht einmal ein Schokoladeneis zu genießen wusste, und als Häuptling von zwölf Verrückten einen Krieg gegen die ganze Welt führt(e).
Blasphemie ist zu kurz gegriffen gegen Garcías Werk und dürfte nur Einsicht derer sein, die sich mit einer Sicht begnügen, während Gólgota Picnic die ikonografische Darstellung des Schreckens an den gepredigten Worten der Liebe zertrümmert. Golgotha ist nicht mehr „Ort der Totenschädel“, sondern wird im Großen Saal der Berliner Festspiele zum Ort der fleischlosen Burger-Brötchen, die das weiche Fundament des Picknicks bilden und wie ein Meer leerer Versprechungen flächendeckend über die Bühne gelegt worden sind. Das Heute wird genommen und all die Zwietracht dagegen geschmissen, die uns Christus brachte. Die Aporie des Lebens nannten wir Religion und weiterhin zerfleischt sie uns, oder besser gesagt wir uns selbst, anstatt Frieden zu bringen oder zumindest bei einem Picknick etwas zu entspannen.

Gólgota Picnic trifft mit seinen Worten messerscharf, denn ja, wir „schleppen ein stürmisches visuelles Erbe mit, einen Albtraum auf Leinwand, Tafeln und Papier.“ [2] Ob Garcías ikonografischen Bilder in ihrer Eindringlichkeit weiterleben wie sein Vorbild? Kann sein. Wie 300el x50el x30el? Das bezweifle ich. Dafür sind Garcías Bilder zu stark an das Original gebunden und überfrachtet mit Referenzen soweit der_die medial Gebildete zu sehen vermag. Die Bilder verschwimmen im Zuviel und die Worte vergisst man – so schön sie auch geordnet sind. Was bleibt ist die Poesie in den Bildern von 300el x 50el x 30el. Von denen befreie ich mich nicht. Die haben mit mir einen Erben gefunden.

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[1] Interview mit FC Bergmann: http://www.berlinerfestspiele.de/media/2012/foreign_affairs/fa12_interviews/fa12_interview_fc_bergman.pdf

[2] Interview zu Gólgota Picnic: http://www.berlinerfestspiele.de/media/2012/foreign_affairs/fa12_interviews/fa12_interview_garcia.pdf

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