Foreign Affairs (IV) – andcompany&Cos „Black Bismarck previsited“ als ein Lehrstück für Brett Baileys „Medeia“

Mit Black Bismarck previsited stellte andcompany&Co  im Rahmen der Foreign Affairs den ersten Zwischenstand ihrer für 2013 geplanten Produktion im HAU vor. Das Zwischenresultat, das präsentiert wurde, macht viel Lust auf mehr. Das Lecture Konzert im Haus der Berliner Festspiele wurde dabei als Konferenz gesettet und Alexander Karschina macht gleich klar in welche Richtung geblickt wird. Recherchiert wurde nicht in Afrika, recherchiert wurde hier. Hier, wo die Berliner Konferenz im Winter 1884/85 unter Otto von Bismarck mit Weltmachtfreunden stattfand, um mal schnell Nägel mit Köpfen zu machen und willkürlich gerade Linien durch Afrika zu ziehen – so wie sie bis heute bestehen. Der Reichsschmied Bismarck erscheint plötzlich im gespenstischen Licht des Weltenteilers. Was in Bismarck Biografien kaum eine Fußnote wert ist, obwohl es die größten Auswirkungen in seinem Schaffen/Zerstören hatte, auf das wird nun ein wenig Licht in das dunkle Herz Europas gebracht. Es ist der Blick des kritischen Weißseins den andcompany&Co gekonnt an der Grenze zwischen humorvoll und ernst entlang führen, ohne je zu einer platten Parodie, noch einer selbstgerechten Aufklärerposition abzufallen oder gar der Mitleidsscheiße für das arme Afrika zu verfallen. Dafür sind sie zu gut, dafür denken sie zu viel, dafür gebührt ihnen jetzt schon ein großes Lob. Dass Black Bismarck previsited dadurch aber auch nicht provozieren kann, sondern vielmehr auf der sicheren Seite der Vorsicht bleibt, ist eine Einsicht, die in der Nachsicht der 2013ner Vollversion immer noch die Möglichkeit bietet einen wichtigen Beitrag zur Critical Whitness zu liefern.

Wh?te – ßchwarz

Spielerisch regen sie zu Reflexionen an, indem sie akustische Markierungen mit einem Piep dort setzen, wo „schwarz“, „dunkel“, „weiß“, „hell“ gesagt wird, um sich auch selbst zu hören und aufmerksam zu machen auf den Gebrauch scheinbar unscheinbarer Wörter, die in vielerlei Hinsicht eine koloniale Gewalt implizieren.  Europa wird als ein weißes Blatt projiziert und die schwarzen Lettern werden zu einem Afrika, das unsere europäische Identität mittels Sprache konstruiert. Es bereitet stets Freude und hält Erkenntnisse bereit wie andcompany&Co es auf intellektuelle Weise versteht die Zuschauer_innen für gegenwärtige rassistische Denk- und Gesellschaftsstrukturen zu sensibilisieren.
Genauso wie hunderte Bismarcktürme, tausende Liter Bismarckwasser und Bismarckschnaps öffentliche Räume durchziehen und private Häuser füllen, genauso ist auch das falsche koloniale Afrikabild in unserem unmittelbaren Umfeld präsent, ohne dass es wirklich gesehen wird.  Ein Karton voll mit Afrika wird unter dem Konferenztisch hervorgezogen. Was sich darin befindet unterhält im ersten Moment und zeichnet im nächsten ein trauriges gesellschaftliches Bild, was unter Afrika verstanden und alles benötigt wird für die perfekte Afrika Mottoparty: Afrika-Haare (Rasta, Afro), Afrika-Knochen, Dschungelmann-Kostüm. Afrika-Schminke, etc.

andcompany&Co macht die kleinen und großen Alltäglichkeiten sichtbar, verändert den Blick auf die Bismarcksche Geschichtsschreibung und holt sie ins Jetzt. Die Berliner Konferenz wird zur EU, die jetzt regelmäßig tagt. Eine Einheit wird beschworen: Afropa, und eine neue Flagge präsentiert. Der Sternenkreis der EU-Flagge wird  von der Kongo-Flagge durchgestrichen. Großartig! Mit Black Bismarck previsited  setzen andcompany&Co eine erste Bismarckierung. Fortsetzung folgt. Coming up soon 2013.

Weiß – Schwarz

Brett Bailey erntete für Exhibit B harsche Kritik. Vorgeworfen wurde ihm v.a., dass er einen rein männlichen, weißen und mitunter rassistischen Blick auf die lebenden Exponate lieferte und dabei eigentlich zur Reflexion über die Völkerschauen anregen sollte. Es stellt sich nun berechtigterweise die Frage: welche Perspektive Bailey für seinen zweiten Festivalbeitrag  Medeia wählt, der in Kooperation mit den Berliner Festspielen/Foreign Affairs produziert wurde?
Baileys Medeia orientiert sich an der Textfassung des niederländischen (weißen!) Autors Oscar van Woensel, in der Medea die Hohepriesterin in einem abgelegenen afrikanischen Dorf ist, bevor sie mit dem weißen Mann, Jason, in die reiche Welt flüchtet. Van Woensel legt den Beginn seiner Medeia vor dem des Euripides an und verortet sie zudem in einem zeitgenössischen Kontext, der weiß zu reich, und schwarz zu wild abstrahiert und stereotypisiert. Das Wort Liebe findet derart oft Erwähnung, dass es sich von alleine in Luft auflöst. Die Figuren Medea (Faniswa Yisa) und Jason (James MacGregor) bleiben schwach gezeichnet und belanglos. Lieblos wirkt ihre Liebe auf der Bühne und so bleibt die Wendung Medeas zu tiefstem Hass gegenüber ihrem Mann unmotiviert.

Man kann von Bailey halten was man will, aber mehr als eine Show im Musicalformat bringt er nicht auf die Bühne. Licht, Nebel, Musik sind zu einer Konzertatmosphäre zusammengefügt und verleihen Medeia zumindest annähernd einen mythischen Unterbau. Das reicht aber nicht. Es reicht nicht Schwarze in weiße Kostüme zu stecken und Jason als einzigen Weißen in Schwarz auftreten zu lassen. Das ist plakativ und in Bezug auf den Text dann fast wieder konsequent.
Am meisten sticht noch der Frauenchor (Namhla Tshuka, Indalo Stofile, Mbali Kgosidintsi) hervor, der das Geschehen um Medea ersingt. Er fungiert meist als Sprachrohr aus der Medea-Perspektive, teilt sich kurz in eine Pro-Contra-Argumentation auf und imitiert die fremdenhasserfüllten Korintherfrauen. Aus der ernsten Angelegenheit wird ein komischer Akt, indem Sonnenbrille, blonde Haarsträhnen und die Stimmlage um eine Oktave hochgeschraubt werden.
Bailey vergreift sich erneut etwas im Ton, aber dank der vermutlich plattesten Medea-Interpretation aller Zeiten dürfte ihn niemand mehr so richtig ernst nehmen. Außer vielleicht der Mann rechts von mir, dessen standing ovation in keiner Weise nachvollziehbar gewesen war und mich fast so peinlich berührte, wie das klatschende Publikum, die in eine forcierte Bailey-Wegschaufalle getreten sind, und dem Drummer (Frank Paco) Beifall zukommen ließen, während am Rande Medea von ihrem geliebten Jason vergewaltigt wurde.

Zum Schluss ein klares Wort: Verbindungen zwischen Black Bismarck previsited und Medeia zu suchen würde einer Respektlosigkeit gegenüber ersterem gleichkommen. Aber vielleicht hat ja Bailey, der übrigens auch anwesend war bei dem Lecture Konzert, gut aufgepasst und gelernt, wie man sich ernsthaft mit Kolonialismus auseinandersetzt. Wir freuen uns auf Black Bismarck in voller Länge und wünschen Brett Bailey eine gute Heimreise und die Muse reflektieren zu lernen.

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Interview mit andcompany&Co: http://www.berlinerfestspiele.de/media/2012/foreign_affairs/fa12_interviews/fa12_interview_andcompany.pdf

Interview mit Brett Bailey: http://www.berlinerfestspiele.de/media/2012/foreign_affairs/fa12_interviews/fa12_interview_bailey.pdf

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