Foreign Affairs (III) – Über erlebte und ferngesehene Traumata in Ullerup Schmidts „Schützen“ und Ómarsdóttir „We saw Monsters“

Wie eine Tigerin schleicht die dänische Performancekünstlerin und Choreografin Cecilie Ullerup Schmidt  auf zwei Beinen durch den Hochzeitssaal der Sophiensaele. Ganz in Weiß gekleidet gleicht sie mit ihren blonden Haaren und strahlender Aura einem Engel, der uns mit sanfter Stimme begrüßt und auf freundlich einschmeichelnde Art einführt in den ersten Teil ihres Langzeitprojekts Schützen.  Die dreiaktige Struktur legt sie uns offen dar, als wolle sie uns vor dem grausamen Alltag des Kriegsgeschehens schützen . Was sie erzählt, soll hier hinten angestellt werden, denn viel dringlicher ist das Wie, welches auf sonderbare Weise erst eine Reflexion zulässt und somit in ihrer Wirkung jegliche mediale Berichterstattung über militärische Ausbildungsmethoden, Drohnenangriffe und traumatisierte Soldaten überdauert. Eine Zeitung wird weggelegt, ein Fernseher ausgeschaltet und die Erinnerung verliert das Interesse am Sich-Erinnern. Ullerup Schmidt schleicht sich in unsere Köpfe ein und kurz bevor wir sie wahrnehmen, sind wir ihr auch schon erlegen.

Die Befehlsgewalt des Schutzengels

Bereits nach wenigen Minuten hat sie uns eingelullt und wir folgen den Befehlen, die wie gut gemeinte Ratschläge an uns herangetragen werden. „Close your eyes.“ Und ich schließe sie, ehe ich mir erklären könnte, warum ich ihr Folge leiste. “It makes me feel more comfortable”, sagt sie. Erschrocken von meinem  blinden Gehorsam öffne ich vorsichtig die Augen. Am anderen Ende des Raums steht die Schützin, und zielt auf uns. Bilder von Hinrichtungen werden mir am nächsten Tag durch den Kopf schießen, in denen die Intimität zwischen dem Schützen und dem Verurteilten durch eine Augenbinde aufgelöst wird. Es ist angenehmer die Menschen nicht als Menschen zu sehen. Ihnen nicht in die Augen blicken zu müssen. Es ist leicht jemanden zu töten, während man in Nevada gerade sein verpflichtendes Yogatraining absolviert hat und sich an den Computer setzt, um mit Drohnen über fremdes Gebiet zu fliegen, das seine Wirklichkeit hinter einem Bildschirm verliert.

Ullerup Schmidt führt uns nicht nur durch den Abend, sondern sie verführt uns. Auf drastische Weise werden wir das Opfer einer Schützin, die ihr Handwerk im „protected space“ des Theaters versteht, uns unterhält und manipuliert. Nie drängt uns dieser Schutzengel. Sie gibt uns die Zeit zu reflektieren, indem 10 Theaterminuten ein Jahr werden. Jahre, in denen der traumatisierte Veteran verdrängt bis ihn und mich das Geschehene mit voller Wucht wieder einholt und zurücklässt mit dem Gefühl der Ohnmacht gegenüber der Welt und meinem Handeln, das so gar nicht mehr meinem Handeln ähnelt. Für kurze Theatermomente wurde ich mir fremd.

Der verkitschte Reigen postmoderner Traumata

Carry, Rosemary’s Baby, Der Exorzist, The Fog, Mythen und Legenden, Rituale und religiöse Symbolik, Death Metal und das entsprechende Lichtdesign zum Konzert undundund verschwimmen im nebligen Festsaal der Sophiensaele zu einer Collage verdrängter Ängste, die sich in einem zitatfreudigen Zeitalter gleichsam aus Gesehenem, Gelesenem und Gehörten nähren und nun von Erna Ómarsdóttirs We saw Monsters nach Belieben zusammengesetzt wurde. Es ist ein verträumter Blick auf die kleinen Monster in einem selbst, die von Zeit zu Zeit wie Naturgewalten ausbrechen, ohne dass sie noch kontrolliert werden können. Anders als noch in Markus Öhrns We love Africa wird in We saw Monsters das Unheimliche romantisiert und nicht mehr bis in die Tiefen von Fritzls Keller verfolgt.
Die blonden Zwllinge winden sich vom Teufel besessen in rosa Nachthemden und weißen Strümpfen, während die marienblau gekleidete Mutter ihre Kinder an der Brust nährt und der Sensenmann in Schwarz das unschuldig weiße Leben an der Sense spielerisch zu einem Tanz auf Leben und Tod zwingt. Es waren zugleich auch die stärksten Moment von Ómarsdóttir neuer Produktion.

Lichtete sich der Nebel, entleerte sich auch die illusorische Maschinerie des Theaters. Verstummte die Musik für einen Moment, hallte ein Nichts zurück. Es blieb eine leere Stille zurück, die die Atmosphäre sofort erstickte. Diese Moment waren rar, aber sie zeigten auch die Oberflächlichkeit der Tanz-Performance, die dramaturgisch von einem Bild zum nächsten wanderte, ohne den Übergängen eine besondere Wichtigkeit einzuräumen. Und auch choreografische Schwächen zeigten sich, sobald die sieben Tänzer_innen und Performer_innen sich die Bühne teilten. Es waren jene Momente, die die visuelle Collage in ihre einzelnen Bestandteile aufzulösen begann und der Nebel zu schwach war, um die Verbindung zwischen den Darsteller_innen zu verdichten.

Wie verbinde ich nun zwei Performances, die so gar keine Verbindung aufweisen? Sie als solche stehen zu lassen und mir eingestehen, dass Schützen meine grauen Zellen neue Farben erleben ließ, während We saw Monsters  in einem Akt der Wiederbetätigung das Grau(sen) der Popkultur etwas grauer werden ließ.

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Interview mit Cecillie Ullerup Schmidt: http://www.berlinerfestspiele.de/media/2012/foreign_affairs/fa12_interviews/fa12_interview_ullerup.pdf

Interview mit Erna Ómardóttir: http://www.berlinerfestspiele.de/media/2012/foreign_affairs/fa12_interviews/fa12_interview_omarsdottir.pdf

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