Foreign Affairs (II) – Boris Charmatz‘ „Enfant“ vs. Markus Öhrns/Institutet/Nya Rampens „We love Africa and Africa loves us“

Vor uns ein schwarzes Loch. Wir blicken tief hinein, wissen aber nicht wie tief. Neugierde macht sich in mir breit. Was wohl gleich in diesem Nichts entstehen wird? Über die Köpfe der Zuschauer arbeitet sich ein Licht nach vor ins Schwarz. Mein Blick schweift über die gelblich erleuchteten Köpfe und bleibt am Kran auf der Bühne hängen. Er bewegt sich. Ein Seil gibt ihm die Richtung vor. Er schwenkt nach rechts. Das Seil ist gespannt. Plötzlich ein Klacken, das Seil erschlafft und der Kran rotiert zurück. Langsam wird das Seil wieder gespannt. Ein Surren dringt immer klarer an mein Ohr. Es ist ein Gewinde. Es ist der Kran, der über das Seil bestimmt, nicht anders rum. Er rollt es auf, immer schneller und durch den Theaterraum hallt ein metallisches Schlagen, sobald sich das Seil aus der nächsten Verankerung löst. Immer und immer wieder reißt sich das Seil los und knallt gegen die Holz-, Metall- und Betonfassade des Bühnenraums bis am Ende des Seils ein lebloser Körper auf die Bühne gezogen wird. Bald hängen zwei leblose Körper kopfüber am Kran und werden spielerisch hoch und runter gefahren. Alles funktioniert wie am Schnürchen und so beginnt auch die Rampe am hinteren Bühnenende ihre Fließbandarbeit. Ganz unscheinbar zieht sie einen weiteren Körper von der Bühnenkante nach hinten. Mechanische Geräusch erfüllen das Haus der Berliner Festspiele und der Bühnenboden beginnt zu pumpen als wolle er die drei leblosen Menschenkörper wachrütteln. Es wirkt. Das Herz pocht und die Maschinen verstummen.

Die Welt im Theater

Die Erwachsenen Tänzer tragen zierliche, leblose Kinderkörper auf die Bühne im Großen Saal der Berliner Festspiele. Was die Maschinen für die Erwachsenen, das sind die Erwachsenen für die Kinder. Sie bewegen sie, formen sie und geben ihnen vor, was sie zu tun haben und wie sie sich zu bewegen haben. Die Kinder verharren in lebloser Passivität bis kurz vor Ende von Boris Charmatz Enfant. Es scheint, als könnten Kinder beliebig geformt werden. Die Erwachsenen tragen sie umher und sorgen sich um sie. Sie lehren ihnen das Gehen, ohne dass die Kinder bereits selbst die Kraft haben sich auf den Beinen zu halten. Was Charmatz in der Dreierbeziehung Maschine, Erwachsenenwelt und Kinderwelt zeigt ist beeindruckend und erzählt viele kleine Geschichten. Das alleine ist Grund genug Enfant zu sehen und sich seiner eigenen Imagination hinzugeben. An welchem Seil hängen wir, das über uns bestimmt, gleich der Marionette an den Fäden des Manipulators?

Aus den Lautsprechern dröhnen Störfrequenzen, die über Kindergelächter gelegt werden, so dass bald das Lachen vom Schreien nicht mehr zu unterscheiden ist. Als das erste Kind quicklebendig über die Bühne rennt, dauert es nicht lange bis auch die restlichen neun Kinder mit den neun Tänzern die Bühne in ein wildes Gewusel verwandeln. Es wird gestrampelt und gezappelt und bald ist nicht mehr klar wer wem was vorgibt. Ein Dudelsackspieler lockt Kinder wie Erwachsenen, die ihm folgen bis das Kind in den Kindern wieder durchbricht und sie die Ordnung aufbrechen.

Enfant zeigt – mit dem Risiko meinerseits mich zu weit aus dem Fenster zu lehnen –  frühkindliche Entwicklungen auf. Zuerst wirkt die Erwachsenenwelt auf die leblosen Kinderkörper ohne Bewusstsein ein, dann beginnen die Kinder grobmotorisch, noch etwas mechanisch, über die Bühne zu laufen ehe ihre Bewegungen immer organischer werden. Nach einer dynamischen Odyssee bleibt schließlich ein Kind an der Bühnenkante stehen und blickt uns an, so als wolle es sagen: Jetzt bin Ich da! Black out.

Afrika in der Box

Vor uns versperrt eine riesige Box die Sicht auf den Bühnenraum des Ballhaus Ost. Ein weißer Gartenzaun in Zwergengröße umrahmt die Box. Wir sind ausgesperrt und werden in Markus Öhrns / Institutet / Nya Rampen neuer Produktion We love Africa and Africa loves us auch nicht mehr zu sehen bekommen als eine Videoprojektion auf die Box, die uns Einblick in morbide Abgründe einer White-Trash-Familie gewährt. Dass dabei ausgerechnet Afrika als Projektionsfläche des westlichen Helfersyndroms herhalten muss, es bis in den Titel geschafft hat und schlussendlich doch so gar nichts zu einem postkolonialen Diskurs beizutragen hat außer einem bis in die Groteske verzerrten blackface-Bild mit toten schwarzen Babypuppen, das Afrika in keiner Weise verdient hat, ist eine Erkenntnis des Abends. Es ist ein Abend, der sich in der Scheiße von Schwulenwitzen und dem aufgestauten Blut im Keller und im Sexismus wollüstiger Hausfrauen suhlt, die nichts lieber tun als einen Schwanz zu lutschen, und sich dann von dem masturbierenden Sohn in die Fotze blasen zu lassen, um ein widerhallendes Echo des Pfiffs zu hören. Die Frau ist hohl und um den Rest der Welt ist es in We love Africa auch nicht besser bestellt.
Wem das zu viel ist, der soll es lassen, so wie die Hälfte des Publikums im Ballhaus Ost. Für viele ein verstörender Abend, für den Andreas Catjar einen stimmigen experimentellen Sound komponiert hat. Wer dem langsamen Gang in die verdrängten Ängste kranker, nordischer Künstlerhirne gefolgt ist, konnte sich dann zumindest noch an der trashigen Videoästhetik à la Rammstein und anderer Konsorten unterhalten.

Nach dem vielschichtigen Werk von Boris Charmatz, das nicht ausgestellt hat, sondern auf offener Bühne nach der Freiheit aus einem gewissen Determinismus suchte, schloss sich We love Africa vor meinen Augen weg und zeigte mir einen fünftklassigen live-Film, der nichts bewegte außer Zuschauermassen hinaus in eine kalte Oktobernacht.

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Interview mit Boris Charmatz: http://www.berlinerfestspiele.de/media/2012/foreign_affairs/fa12_interviews/fa12_interview_charmatz.pdf

Interview mit Markus Öhrn, Anders Carlsson und Jakob Öhrnman: http://www.berlinerfestspiele.de/media/2012/foreign_affairs/fa12_interviews/fa12_interview_oehrn.pdf

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