Foreign Affairs (I) – Symposium: Stages of Colonialism / Stages of discomfort. Oder wie eine wissenschaftliche Konferenz zu einer Bühne des Unbehagens wird.

Unter dem neuen Intendanten der Berliner Festspiele, Thomas Oberender, und der Kuratorin, Frie Leysen, findet zum ersten Mal das internationale Festival für Theater und performative Künste Foreign Affairs statt. Vom 28.09. – 26.10.2012 präsentieren 19 Künstler aus Afrika, Asien, Lateinamerika und Europa in Berliner Spielstätten (Haus der Berliner Festspiele, Sophiensaele, Ballhaus Ost und Kleiner Wasserspeicher) „ihre Visionen, ihre Befürchtungen und Träume, ihre persönliche Perspektive und kritische Analyse unserer Welt, unserer Zeit und unserer Gesellschaft“, um den Worten Leysens zu folgen. Das Festival steht im Zeichen individueller künstlerischer Perspektiven, die mittels ihrer eigenen ästhetischen Sprache (skandalöse) Angelegenheiten des Fremdseins (Rassismus, Einsamkeit, Kolonialismus, etc.) behandeln.
Wie unangenehm Auseinandersetzungen mit dem Anderen und den eigenen An- und Einsichten sein können, zeigte sich gestern (03.10.2012) im Rahmen des Symposiums: Stages Colonialism / Stages of discomfort. Was die Aussagen der fünf vortragenden Akademiker und dem Regisseur Brett Bailey konstativ festhielten, entwickelte im Verlauf der wissenschaftlichen Konferenz eine performative Dynamik, die die Räumlichkeit der Berliner Festspiele in eine Bühne des Unbehagens verwandelte.

Das Symposium war eine Initiative des internationalen Forschungskollegs Verflechtungen von Theaterkulturen / Interwaving Cultures in Performance der FU Berlin in Zusammenarbeit mit Foreign Affairs. Wie bereits der Titel des Symposiums andeutet, stand die Konferenz im Spannungsverhältnis einer weißen Perspektive, die historisch anhand des europäischen Kolonialismus in Afrika und den im 19. und Anfang 20. Jahrhundert stattfindenden Völkerschauen in der westlichen Welt argumentiert wurde, und einer neuen (neutralen) Perspektive, die in der eurozentrierten weißen Sichtweise als kulturelle Identitätskonstrukt ein Unbehagen zurücklässt und zugleich einen offenen Zugang für Menschen bietet, die bisher marginalisiert wurden und Opfer der kolonialen Gewalt- und Machtmechanismen waren. Diese Beziehung greift auch der anwesende Regisseur Brett Bailey in Exhibit B – Eine theatrale Begegnung mit lebenden ‚Exponaten‘ auf und musste sich mit der analytischen Kritik der Akademiker auseinandersetzen, die ihm vorwarfen, Exhibit B sei nur durch das Auge eines rein männlich rassistischen Weißen rezipierbar und verfehle dadurch den dekolonialen Befreiungsschlag.

Der erste Redner, der Politikwissenschaftler Joshua Kwesi Aikins, legte seinen erkenntnistheoretischen Ausgangspunkt auf die eigene individuelle, sowie kollektive, afrikanische Diaspora. Mit ruhig, sanfter Stimme und einem Gespür für wissenschaftliche Präzision zeigte er auf wie sehr koloniale Bezeichnungspraxen uns nicht nur im privaten Bereich, sondern gerade auch im öffentlichen Raum noch begegnen. Exemplarische führte er die Umbenennung des Gröbenufers (Berlin/Kreuzberg) nach dem Sklavenhändler Otto Friedrich von der Gröben in May-Ayim-Ufer, einer afrodeutschen Dichterin und Pädagogin, an. Die Kritik an Baileys Exhibit B formulierte er klar in der reduziert weißen Sichtweise auf die „lebenden Exponate“, die es nicht zulässt die Geschichte als eine gemeinsame zu verstehen, da es ihr an einer dekolonialen Perspektive mangelt.
In den gleichen Kanon schlug auch Katja Wenzel ein, die die theatrale Begegnung als absurd empfand und nie über ein Betroffensein über die eigene koloniale Geschichte hinausging. Es reiche nicht mehr der Gesellschaft im Theater den Spiegel vorzuhalten, sagte sie. Als vorbildhaftes Gegenbeispiel theatraler Praxen führte sie das Ballhaus Naunynstraße an, das durch die Arbeit mit authentischen Schauspielern_innen aus dem jeweiligen kulturellen Umfeld als ein „Spiegel der Gesellschaft“ fungiert.

Im Zeichen unseres Umgangs mit Rassismus kommt es weiterhin Wenzel folgend zu einer Verharmlosung des Diskurses. „Rasse“ wird ersetzt durch „Kultur“ und offenbart dabei eine euphemische politische Korrektheit, die sich an Berliner Theaterspielstätten mit ihren weißen Theatermacher_innen fortführt. Neben dem Thema „Kolonialismus“ öffnete das Symposium eine weitere historische Tür der Gegenwart. Aufbauend auf der Tradition der minstrel shows in der USA, die schwarze Stereotypen spöttisch mit weißen Schauspielern in blackface darstellten, hält das blackface, nach wie vor und immer wieder subversiven Fremdenhass reproduzierend, Einzug in die deutsche Theaterlandschaft (jüngst durch Ich bin nicht Rappaport im Schlosspark Theater (2012); Unschuld im DT (2011); Kampf des Negers und Hundes in der Volksbühne (2003)). Auch die dritte Rednerin, Joy Kristin Kalu, sieht in der blackface-Historie eine theatrale Praxis, die kein neutrales Theaterzeichen ist. Blackface anhand einer Aneignung des Fremden durch einen weißen Darsteller zu argumentieren, wie es etwa das heftig kritisierte DT mit Thalheimers Unschuld-Inszenierung tat, sei nicht zu vereinen mit einer authentischen Darstellung. Besonders in Anbetracht der Tatsache, dass Thalheimer sich durch einen minimalistischen Inszenierungsstil auszeichnet, wodurch beispielsweise die blackface-Figur in Affenpose degradiert und stigmatisiert wird, aber nicht reflektiert.
Anstatt das Anderssein weiterhin auszustellen und es sich aus der weißer Perspektive anzueignen, sollte das Anderssein aufgelöst werden, damit es nicht mehr hinter einer Maske belustigend versteckt werden kann und gleich gemacht wird. Eine heterogene Besetzung würde es ermöglichen das Eigene und das Fremde viel differenzierter zu behandeln und nicht nur so zu tun als ob alles in bester Ordnung sei. Denn derart kommt es zu „a disrupture with reality“, der den_die Rassisten_in zu einem_r Antirassisten_in werden lässt, wie es die renommierte Autorin und Professorin für Gender Studies, Grada Kilomba, anhand einer persönlichen Kindheitserfahrung psychoanalytisch erörterte.

Blackface wird zu einer Leinwand für die Weißen, was sie sich über sich selbst nicht eingestehen wollen. Auf demokratische Weise wird der europäische Rassismus neutralisiert. Denn in Wirklichkeit werden blackface-Performances nicht gebraucht. Sie reproduzieren den Kolonialismus und mit ihm Rassismus, Macht und Anerkennung. Schwarzsein ist vorrangig eine Ausdrucksform durch die sich Weißsein konstruiert. Nämlich als das, was wir Weiße nicht sind. Es bereitet uns in seinen groteskesten Formen vergnügen eine Wirklichkeit zu konstruieren, in der wir weiterhin unsere Überlegenheit gegenüber dem Anderssein behaupten können. Die euphemischen Modi der europäischen Selbstbehauptung wurde im Symposium bis ins Politische nachgezeichnet, um durch den letzten Vortragenden, der Sozialanthropologe Klaus-Peter Köpping, wieder untergraben zu werden und in der Folge in einem Disput mündete. Was machte nun der Delinquent Köpping falsch, der den Ursprüngen des weiblichen, schwarzen Körpers als einem Verfemten, Verworfenen nachspürte und eigentlich nur die negativen Seiten einer biologistischen Rassenlehre aufzeigen wollte?
Nicht nur dass der 72-jährige Weiße in selbstgefälliger, euphemisch-ethnologischer Rhetorik und unzeitgemäßer Sprache referierte, sondern auch die unreflektierte, kritiklose Projektion unzähliger Bilder schwarzer Frauenkörper, löste einen discomfort im Publikum aus, der zu einer Unterbrechung des Vortrags führte, da die Gegenstimmen der Anwesenden, besonders die der Bühnenwatcher_innen, zu laut wurden.

Betrachten wir das Spektakel des Symposiums im Rückblick, so fällt auf, dass die Wissenschaft in ihrer Auseinandersetzung mit Kolonialismus und heutiger theatraler, (post-), (anti-), (de)kolonialer Praxen es vermag die bis beinahe zur Unkenntlichkeit verschleierte westlich-koloniale Ordnung aufzuzeigen, die sich solange in den Köpfen der Menschen halten wird, solange sie im öffentlichen Raum reproduziert wird. Es müsse eine neue Sprache gefunden werden, wie Kilomba sagt. Eine Sprache, die neue Perspektiven zulässt und neue Bilder kreiert. Darüber gilt es zu reflektieren, laut Kilomba. Zu reflektieren für die Wissenschaft setzt jedoch voraus, dass die Kunst zuerst neue Formen findet. Was Bailey nicht gelang, gelingt hoffentlich anderen im Verlauf des Festivals.
Wie sich gezeigt hat schwingt in der suggerierten wissenschaftlichen und neutralen Sichtweise, die Sachverhalte aufdeckt und argumentativ versucht zu objektivieren, immer auch eine Sensibilität mit, die dank Köpping den Impuls erhielt, aus der wissenschaftlichen Nüchternheit auszubrechen. Die Betroffenheit über Köppings unsensiblen Umgang mit dem Thema breitete sich wie eine Welle durch den Raum aus, die Bewegung in die versprachlichten Sachverhalte brachte und ganz plötzlich zu einem durchdringenden Orkan wurde, der die Gemüter affizierte und performativ in einem Akt des Aufgebehrens, des Aufstehens mündete.
Foreign Affairs steht unter einem guten Stern, da es bereits jetzt bewiesen hat, wie sehr uns das Fremdsein persönlich betrifft. Selbst das Symposium erschuf im Haus der Berliner Festspiele einen Ort, den an diesem Nachmittag viele mit kolonialem Unbehagen verlassen haben.

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