„Der Bau“ unterm Dach – Kein langweiliger Dreiakter

Einleitung

Ich komme einfach nicht los von dieser Struktur. Seit vier Semestern muss eine Hausarbeit nach der anderen geschrieben werden, immer der gleiche formale Quatsch. Die Einleitung schreibe ich natürlich wie gewohnt auch jetzt am Schluss, nur um dem ganzen Sinn zu verleihen, was der Ausblick dann utopisch oder gar wahrhaftig abrunden soll. Was dazwischen liegt, so viel sollt Ihr erfahren, ist eine Dichotomie aufbauend auf dem Doppelbegriff Bau/Dach. Derart gestaltet sich auch die Kapiteleinteilung, die auch vollkommen unabhängig, je nach Geschmack und Vorlieben, konsumiert werden können und in sich dennoch wie eine abgerundete Geschichte erscheinen.
Zum einen gibt es für die textnahen Menschen den 1. Akt. Kafka bietet jenen jede Menge hermeneutischen Zündstoff, der auch direkt auf heutige Zeitgeschehen bezogen werden soll. Zum anderen das Hauptthema des heutigen Tages/Abends/Nachts: „Der Bau“ im Theater unterm Dach. Eine Inszenierung von okapi productions, die es schafft die grauen Hirnzellen mit einem Versatzbaukasten der Affektlehre gemütlich anzuregen. Genaueres lesen Sie bitte im 2. Akt nach.
Im 3. Akt wagen wir einen Ausblick auf die aufkommenden Unruhen und wie das alles hier zusammenhängt.

1. Akt: Der Möchtegernkafkakenner

Ins dritte Stockwerk geht es hoch, hoch ins Theater unterm Dach für 22 Menschlein, die eigentlich für 130 Minuten in den „Bau“ wollen. Dort hinunter, wo mir der Flyer der verantwortlichen Produzenten (okapi) verspricht auf ein namenloses Wesen zu treffen, das in getriebener Angst und Sehnsucht nach Geborgenheit sein paranoides Dasein fristet. Das Problem ist nicht so sehr die getriebene Angst und die Paranoia davor angegriffen zu werden, den Bau ständig mit dem neuesten sicherheitstechnischen Scheiß optimieren zu wollen, obwohl wir natürlich wissen sollten, dass irgend so ein unbestimmtes Ding von Wesen, das in einer selbst gegrabenen Höhle haust mit eng geschlängelten und gesponnen Labyrinthgängen zu verschiedenen Plätzen, wie etwa der größte von allen: der Burgplatz, gar nicht über die entsprechende Technologie verfügen kann den Bau entsprechend aufzurüsten. Auf dem Burgplatz ist es als Esbauer sehr stolz und besucht ihn regelmäßig. Vorwiegend wegen der Vorräte. Von Zeit zu Zeit ärgert es sich über sein unvernünftiges Verhalten in jungen Jahren. Schließlich hätte er mehrere riesige Burgplätze gut brauchen können. Auch eine nette Erkenntnis, dass man im Alter vernünftiger wird. Ach nein, unser Wesen irrt sich dem endgültigen Wahn verfallend oder um genau zu sein, wir können es nicht mit sicherer Bestimmtheit wissen. Der gesamte kafkaeske Gedankenmonolog ist ein verstricktes Ich-Wollknäul des Wesens, das sich selbst und den Lesern (undoder Zuschauern) – andersrum meinte ich – den Zuschauern (undoder Lesern) langsam einsäuselt – wie ein leises Zischen, das ebenso eine tragende Rolle bekommt. Zumindest im Text, die Inszenierung pfeift ein paar fein rhythmisiert minimalistische Synthesizer Töne. Selbst wenn Musikangaben meinerseits immer ohne Gewähr zu lesen sind.

Zurück zur nachherigen Frage: Wie können wir behaupten, dass dieses Wesen verrückt ist? Was ist wenn es tatsächlich diese Fremden gibt, die eindringen in seinen Reichsbau? Was wir kennen sind lediglich die Gedanken eines Wesens, das sich als Ich bezeichnet. Es gibt keine Referenz zu etwas, nur diese abstrakten Fremden, auf die wir mit dem Wesen nie treffen. Wie auch in einem Hochsicherheitsgefängnis mit zwei raffiniert unter Moos versteckten Ein-Ausgängen. Was macht uns so sicher, dass dieses Wesen uns und sich selbst anlügt? Das ist der eigentliche Wahnsinn. Dass wir derart vernünftig Denkende sind und in einem fremden Kopf Wahnsinn wittern. Eine letzte animalische Frage: wie viel Vernunft braucht schon ein Wesen, das sich ausschließlich um sich selbst kümmert und die wenigen Überlebensinstinkte, die ihm bleiben? Ein schön neutrales Wesen, das von einem DarstellER verkörpert wird, was in Bezug auf die Inszenierung jedoch vollkommen irrelevant ist und trotzdem erwähnenswert wäre. Die Inszenierung bevorzugt es vielmehr totalitäre Texttreue zu praktizieren, ohne je ein Thema aus der unverschämten Vielfalt der Vorlage würdig zu vertiefen, oder gar entsprechende Bilder dafür zu finden.

Das Wesen kümmert sich so sehr um sich selber, seinen Besitz und sein eigenes Wohl, dass es schon gar nicht mehr weiß wohin am besten mit den erjagten Vorräten. So zentriert sich sein gesamter Reichtum phasenweise auf dem Burgplatz als ein übel riechender Kadaverhaufen – soweit es meine Vorstellung zulässt – , dann teilt es sein täglich Brot wieder auf andere Lagerorte (nicht andere Wesen) auf. So richtig glücklich wird das Wesen aber mit keinem System. Die innerpsychische Zerrissenheit dieses Wesens ist beeindruckend. Es gleicht einem totalitären Ich-Staat, der sich so sehr nach der Freiheit da draußen sehnt, dass es nie merkt wie sich die Freiheit nach einem Freund sehnt, nach Bindung, nach Offenheit. Wir verstecken uns hinter unseren Mauern und vertrauen auf die Technik, die uns schützen soll. Alles wird überwacht, durchleuchtet und wenn nötig umgegraben, wie es unser kleines Wesen auf der Suche nach dem leisen Zischen tut, um es zu ersticken. Einsam wird es sterben, aber bestimmt nicht an Sehnsucht nach Geborgenheit. Hierfür hat unser Wesen schon mal nicht kapiert wie der Hase läuft. Schon mal mit einem Hasen geredet, also so richtig von Angesicht zu Angesicht, anstatt ihm die Ohren über den Kopf zu ziehen und zu zerfleischen. Es ist nicht leicht einen Freund in der heutigen Zeit zu finden, denkt sich der Darsteller des Wesens über sein StyroporPad gebeugt und heftig am Freunde sammeln oder schaut er sich doch nur die neuesten Pläne seines Baus an, nein es ist vielleicht doch oder gerade auch ein, ein (Schaukel)Pferd? Armlehne? Staubsauger? Hinkelstein (sinnbildlich als schwere Last zu verstehen)? Sein erweiterter animalischer Körper? Fernrohr? Rednerpult? Futter? Ein Zeichen-Dschungel, der einen stets herausfordert und an die Fantasie appelliert: Erkenne mich! Wie es sich auch das Wesen von uns abverlangt. Es ist ein Ich, Ich, Ich, Ich, Ich. Ein Musterbeispiel des heutigen Menschen, ein unabhängiges Individuum ist es, regelrecht selbstständig hat es sich gemacht freidenkend spinnt es sich seine eigne Meinung, oder im egozentrischsten Fall gar eine subjektive Tatsache, mit einer sehr weiten Allgemeingültigkeit. Zumindest soweit es der eigene Horizont zulässt. Es hat ja jeder so sein eigenes Ding zu erledigen unter den 7 Milliarden menschlichen Lebewesen. Jeder gehört gehört und mit aller Pragmatik akzeptieren wir die Meinungen anderer und versuchen sogar Diplomatie dort walten zu lassen, wo die Erde schon längst brennt, weil wir selber Feuer gelegt haben, das von vielen schmutzigen Händen weiter und weiter und weiter angefacht wird. Unkritisch lassen wir geschehen und Meinungen meinen, weil man bei 7 Milliarden Meinungen nie sicher sein kann, welche nun tatsächlich die Richtige ist. Und außerdem, ich will ja auch meine Meinung respektiert sehen und mein Handeln nach besten Möglichkeiten als gerecht erscheinen lassen. Und die ist Sicherheit etwas, das sich lange Zeit noch vom Vertrauen in den Gutmenschen ernähren konnte, bis es erschöpft war und wir uns nun in der Epoche der Transparenz gegenseitig überwachen und Ängste geschürt werden vor dem Fremden unförmigen Ding, das den Rückzug fordert in die eigenen vier Ich-Wände. Dort wo wir uns um uns selbst kreisen. Jeder auf seine Weise. So wie das namenlose Wesen, so wie ich, dafür stehe ich mit meinem Namen ein.

Ganze 22 (21 nach der Pause) von 7 Milliarden durften mit mir einen überdachten Bau erleben, der nie auch nur annähernd die düstere Mannigfaltigkeit von Kafkas Text erreichte. Aufs Theater wurde übertragen, wovon sich die Theaterwissenschaft vor Jahrzehnten begann zu differenzieren: der Text. Mehr bleibt von diesem Abend nicht. Nicht für mich.

2. Akt: Der Theaterdilettant

Es verhält sich nun so, dass die Bühnenadaption von Ingrun Aran leider keine dramaturgischen Akzente setzen kann, die auch nur etwas Kontinuität aufweisen. Themen können gar nicht angeschnitten werden im „Bau“, da der Text ja gerade durch seine abstrakte Unbestimmtheit sich auszeichnet, wodurch der „Bau“ eine Fundgrube für Interpretationen bietet. Bildlich wurde es vor allem durch das intermediale und immer noch ganz populäre Mittel: Bild- und Videoprojektionen. Mit Panzerplänen, Autoplänen, Grundrissen, oder auch wie sich der Darsteller in Nahaufnahme die Fingernägel lackiert, Lippenstift aufträgt, Wimpertusche einkämmt, verloren guckt und sepiagefilterte Steinsäulen (wir sind immer noch in der Nahaufnahme) mit der rechten Hand sanft über den kalten (ist das zu viel Interpretation) Sandstein (da bin ich mir sicher) fährt. Das ist ungefähr, was ich einem eventuellen Themengebiet zuordnen konnte. Wie das nun zu verstehen sei, habe ich nicht verstanden. Wie sagte einmal eine weise Frau: „Man kann nicht immer alles verstehen, Lukas.“ Dem muss ich eindeutig zustimmen. Die anderen Videos spare ich mir für heute.

Die Räumlichkeit unterm Dach im Bau gestaltete sich offener als erwartet. „Der Bau“ las sich für mich klaustrophobischer. Es gab drei in der diagonale (warum auch immer) über die Bühne verlaufende Quadrate. Die äußeren zwei, gab es einmal in groß (der Burgplatz?) mit weißem Gaffer abgeklebt und spiegelbildlich in der kleineren Version. Das mittlere Quadrat (Burgplatz?) hatte weißen Boden und im Hintergrund ebenso weiß, wie beim Fotografen. Verstanden. Zwischen diesen Feldern sprang der Darsteller selbstredend hin und her, hinten rum und meistens mit seinem multifunktionalen übergroßen StyroporPad (MÜSP) in der Hand. Das Umgraben auf der Suche nach dem leisen Zischen wird am Ende auf plakativste Weise und bis aufs äußerste theatral stilisiert mit dem Aufreißen der gegafferten Quadrate.

Gearbeitet wurde mit den Farben Rot und Blau. Ich habe mir das so erklärt: der Darsteller des Wesens, Iljá Pletner, durfte die Bibel der schauspielerisch darzustellenden Gemütsregungen, sozusagen als naturalistische Schauspielübung durchexerzieren. Im Falle des Wesens entschied man sich mit einem nervösen Fundament zu beginnen, bei dem man sich nie sicher war ob nicht bald doch der ganze Wahnsinn durchbricht. Er tut es v.a. in den physischen Abschnitten des Stücks als Iljá Pletner seinen Blutdruck misst, auf Jagd geht, mechanisch beginnt zu boxen, sich auf die Brust trommelt, um sich Mut zu machen bis man wieder als ganzer Mann (aufrecht, breitschultrig, Brust raus und Arschbacken zusammengekniffen – gut, das hab ich nicht gesehen) stramm dasteht. Wahnwitzig. Auf die Farben hätte ich beinahe vergessen. Die hängen eben mit diesem Balanceakt zwischen hitzig bis wahnsinnig (rot) und normal unterkühlt bis nervös jämmerlich (blau) zusammen.

Das hört sich jetzt wie ein billiges Happy End an, aber ich hatte einen guten Abend. Einen verstörender Text und eine formale Hülle, die leider zu bunt geraten ist, sodass ich die einzelnen Farben und Bilder kaum erkennen konnte.

3. Akt: Ein Unruhiger Ausblick

Texttreue ist ein lobenswertes Unterfangen, wenn es auch im Theater einer eigenen Sprache bedarf, um einen Sachverhalt plastisch darzustellen. Aran bleibt mit ihrer Inszenierung so nah an der literarischen Vorlage, dass die Bilder das abstrakte Fragmente adaptieren, ohne jedoch die narrative Kontinuität und Aussagekraft von Kafkas „Bau“ beizubehalten und so in einem Brei aus nervösen Affekten untergehen.
In Kafkas „Bau“ heißt es: „… denn die Unruhe zittert in mir noch genau so wie seit Stunden und wenn mich der Verstand nicht zurückhielte würde ich wahrscheinlich am liebsten an irgendeiner Stelle, gleichgültig ob etwas dort zu hören ist oder nicht, stumpfsinnig, trotzig nur des Grabens wegen zu graben anfangen, schon fast ähnlich dem Kleinzeug, welches entweder ganz ohne Sinn gräbt oder nur weil es die Erde frißt.“ Wir werden hier auf diesem Blog weiterhin graben. Dort graben, wo es scheinbar nichts zu graben gibt. Manches Mal werden wir sinnlos graben, weil es in der Natur des Menschen liegt, nicht in der Lage zu sein nicht zu denken. Wir denken pausenlos. Die Unruhe im Oberrang ist endlos und dies solange bis der letzte Sinn bedeutungsschwanger entleerte wurde und vor lauter gewendet werden, nicht mehr weiß wo oben und wo unten ist. Wir werden mitfressen und den letzten Sinn zerfleischen, weil er so gut schmeckt. Wir werden ihn erbrechen, neu zusammensetzen und unseren unruhigen Kopf darauf setzen. Wir sind das Kleinzeug der kleinen Bühnen. Ich heiße Euch willkommen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s