Das Experiment entschuldigt sich, bevor es begonnen hat – „Beg your pardon“ im Ballhaus Naunynstraße

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Autogenes Training als Einbürgerungstest: „Deine Emanzipation und Individualität werden ganz schwer!“ Der Psychotherapeut, der mit dem Rücken zum Publikum sitzt, versucht seiner Patientin das Abendland in den Körper zu reden, die im nächsten Moment zur Interviewerin des Vertreters der rechtspopulistischen Volkspartei wird, um sich ein Duell mit ihm zu liefern: Er protzt mit heterosexuellem Charisma und sie bittet ihn, doch sein glattes Gesicht anfassen zu dürfen.

Bei solch lässiger Verspieltheit plus parodierter Ausländerpolitik weiß man sofort, dass man in der Naunynstraße sitzt. Wer aber meint, dies sei nun Exposition und Konflikt, hat sich geirrt. Eigentlich geht es um Theas Innenleben. Die engagierte Journalistin ist schwanger und im ständigen Streit mit ihrem Mann. Sie fühlt sich fremd in ihrer Normalität, flüchtet schließlich und lässt ihren (inzwischen geborenen) Sohn zurück, der als leuchtende Glühbirne an einem Seil durch den Raum schwingt. Sie gerät nach Malaya, einem utopistischen Ort, an dem sie zunächst meint, ihre Freiheit gefunden zu haben, gemeinsam mit ihrem Affen Chica, der als geisterhafte Projektion auf einem wallenden Vorhang in der Mitte des Raumes erscheint. Das Verdrängte holt sie jedoch wieder ein und sie kehrt nachhause zurück, wo sich alles verändert hat: Ihre zwischenzeitlich ausgewiesene Freundin ist inzwischen mit dem Vater ihres Sohnes zusammen. Eine Volte mit dem Mundgeruch bemühter Plotstruktur nach einer skurrilen Konfusion aus Tagespolitik, Beziehungsstreit, Effekten, Traumsequenzen und Klischee.

Hakan Savas Mican gelingt in der Regie leider nicht, was der dramatische Text von Marianna Salzmann nicht hergibt: Eine Verbindung von politischen Fragen mit persönlichen Konflikten, die irgendwie produktiv werden könnte. Die Einbürgerungstest-Problematik könnte auch durch einen umstrittenen Autobahnbau oder Rentenkürzungen ersetzt werden. Es gibt zwar gefällige surrealistischen Momente, wenn sich plötzlich der gesamte Bühnenraum zur Videoprojektionsfläche öffnet und Hundebeine an einer roten geöffneten Tür vorbeitraben, wenn Thea plötzlich in hippiesken Malaya neben einem tanzenden Blinden steht, der ihr verspricht, Ausschau nach ihrem verschwundenen Affen zu halten, am Ende fehlt aber der Mut zu richtiger Abgespacedheit. Oder aber Beschränkung auf die zerfahrene Beziehung, die nach einem Streit beim Abtrocknen als ein Haufen Löffel über den Boden springt.

„Beg your pardon“ lohnt sich dennoch. In erster Linie wegen einer Person: Maryam Zaree schafft es als Thea charmant selbstbezogen und unpathetisch verzweifelt durch eine verschrobene Welt zu irrlichtern, die sie verursacht hat und die ihr gleichzeitig zum Verhängnis wird. Mit „Die Saison der Krabben“ hat das Ballhaus Naunynstraße zur neuen Spielzeit eine Premiere hingelegt, die „Beg your pardon“ ähnelt: Die Protagonistin hält sich für die Schauspielerin aus einer türkischen Werbesendung für Hautcréme mit Thymianduft und schafft schließlich die Flucht aus ihrer Partnerschaft nach Kuba. Krabben, Affe, Kuba, Malaya – dieser in beliebige Schubladen greifende Exotismus kann witzig sein, das geht aber noch konsequenter, vielleicht ohne tagespolitisch-pädagogischen Kompromiss.

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