„Terror – Ihr Urteil“: Vom Verflachen des Gerichtstheaters auf dem Flachbildschirm des Unterhaltungsfernsehens

die-grosse-strafkammer-des-schwurgerichts-berlin-verhandelt-den-fall-lars-koch-100_v-varxl_298d7f

Das interaktive TV-Experiment „Terror – Ihr Urteil“ bringt eine moralphilosophische Debatte ins Unterhaltungsfernsehen. Das fürs Öffentlich-Rechtliche adaptierte Theaterstück steht dabei in einer Traditionslinie mit dem Gerichtstheater: Von Aischylos’ Orestie bis hin zu Peter Weiss’ Ermittlung sollte das Publikum in die Lage versetzt werden, ein ausgewogenes Urteil über die Handlung zu fällen und so zu einer politischen Haltung zu kommen. Doch unter der Maske juristischer Klarheit verkommt dieses einstmals aufklärerische Genre in „Terror – Ihr Urteil“ zu einem diffusen und effektheischenden Spektakel.

Weiterlesen

Ich habe diese Kritik erst eine Woche nach der Premiere geschrieben – „Selbstbeschwichtigung“ von Turbo Pascal in den Sophiensaelen

turbopascal_selbstbeschwichtigung_c_manuel_kinzer-hp

„Werden wir unser Verhalten in Zukunft in irgendeiner Form verändern?“, steht im letzten Absatz der Postkarte zum Stück „Selbstbeschwichtigung“ des Berliner Theater- und Performancekollektivs Turbo Pascal, das seine Premiere am 29.09.2016 in den Sophiensaelen feierte.

Die Antwort gleich vorweg: nein, werden wir vermutlich nicht. Zumindest nicht, solange wir uns selbst beschwichtigen. Was zunächst als Schwachstelle, als nicht eintreffende Intension der Gruppe, vermutet werden kann, entpuppt sich bei nochmaliger Reflexion allerdings als ein stimmiges Konzept. Denn mit dieser Schlussfolgerung ist das Stück in sich aufgegangen. Und das ohne erhobenen Zeigefinger.

Weiterlesen

White Noise und die Überreizung des Publikums – „Quantified Me 3D. Die Instrumentalisierung meines Schuldgefühls“ im Ballhaus Ost

img_9873

Die Inszenierung „Quantified Me 3D“ von virtuellestheater berlin im Ballhaus Ost nimmt sich das Phänomen der Quantified-Self Bewegung zum Thema. Quantified-Self ist ein Phänomen, dessen Wirkung mittlerweile in den verschiedensten Bereichen unseres Lebens zu spüren ist. Die Quantified-Self Bewegung entstand zuerst als eine kleine Community im Internet, die die Daten ihrer Körper archiviert, teilt und vergleicht. Das Datensammeln über die eigene Person und das eigene Leben wird dabei zum Fetisch und die Daten selbst zum Produkt.

Weiterlesen

Hex hex im Matriarchat – „Grrrrrl“ in den Sophiensälen

2016_grrrl_gp_0405b_1-copy_670

Die vier Performer*innen des Kollektivs Henrike Iglesias kreieren an diesem Abend in den Sophiensälen einen utopischen Raum namens Fort Grrrrrl, in dem das Patriarchat ausgeschaltet ist und Konnotationen des Bösen, die Weiblichkeit zugeschrieben werden, ausgelebt werden können. Sie spielen tabuisierte und negativ assoziierte Themen wie Masturbation, Menstruation, sexuelle Selbstbestimmtheit, was es bedeutet eine „gute“ Mutter zu sein, kraftvoll und unterhaltsam durch. Weiterlesen

Wie der deutsche filmische Realismus sich in Toni Erdmann selbst an den Kragen geht

thumb_1351_film_main_big

Everyone lives in his own fantasy world, but most people don’t understand that. No one perceives the real world. Each person simply calls his private, personal fantasies the truth.

– Federico Fellini

Quälend lange von schräg hinten, vom Türrahmen des Schlafzimmers aus, beobachten wir, wie die Protagonistin versucht sich aus ihrem hautengen Cocktailkleid zu pellen. Es klingelt schon zum dritten Mal. Ines (Sandra Hüller) entscheidet sich binnen Sekunden nackt zu bleiben und leitet damit eine der komischsten und skurrilsten Szenen des jüngeren deutschen Arthouse Films ein.

Die Spielzeit war vorbei, die Bühnen geschlossen, aber Maren Ades „Toni Erdmann“ hat einige von uns das Sommerloch überstehen lassen. Weiterlesen

VORSCHAU August: #immernochkeinsommerloch

Bildschirmfoto 2016-08-02 um 19.56.58

 

Das Gute am Sommer, wenn kein Sommer ist: Es gibt ganz neue Optionen! An die Stelle von See, Federball und Sonnenbrand rücken in diesen kaltnassen „Sommer“-Tagen: endlich mal den Péter Nádas lesen (indoors!), Toni Erdmann im Neuen Off schauen, mit Googles Algorithmus DeepDream rumexperimentieren (siehe Foto), Angela Merkel und Christoph Schlingensief in Der heiße Stuhl von 1992 anschauen und – die Bühnen dieser Stadt!

Weiterlesen

Wo sind die Roboter? – L’OdYSSÉE von hotairproduction im Ballhaus Ost

odyssee

Heute gehe ich mit meiner Lieblingsmaschine ins Theater. Wir hatten lange keine Zeit mehr zu zweit, aber die Vorschau verspricht Roboter als Darsteller und Musiker.

In der S-Bahn sitzt sie auf meinem Schoß und ich streichele sie zärtlich, während sie mir weiter vorliest: Maschinen auf der Suche nach ihrem Ursprung. (…) Roboter leiden, lieben und kämpfen mit den Göttern. (…) Kann ein Stück ohne Schauspieler die Aufmerksamkeit der Zuschauer gewinnen und emotionale Reaktionen hervorrufen?

Im Ballhaus Ost werden wir in eine Kunstgalerie geleitet. Es hängen schwarze Bilder an den Wänden, an kleinen Tischen bekommt man von einer Dame in griechischer Tracht kostenlos Wein ausgeschenkt, ein Staubsauger-Roboter fährt eine weiße Gips-Skulptur durch die Gegend. Der Roboter spricht verzerrtes Deutsch, Englisch und Französisch:

Wir glauben an euch, die ihr uns Leben eingehaucht habt.

Als er an einem Kabel hängen bleibt, steht ein verlotterter Typ im goldenen Mantel aus einem Sessel auf und schlurft der Maschine zur Hilfe. Dann betrachtet er der die schwarzen Bilder eingehend. Hm… sagt der Typ, der einen prima Jesus von Nazareth abgeben würde oder den Dude aus The Big Lebowski, aber wo ist da der Unterschied, denke ich, beide sind Auserwählte, die mit der Welt wie sie eingerichtet ist, mächtig Probleme bekommen. Und beide sind Amerikaner, was man so hört.  Weiterlesen

Don’t be a prisoner of the moment – Zur Eröffnung des letzten Foreign Affairs-Festivals 2016.

 

Das internationale Performing Arts Festival Foreign Affairs der Berliner Festspiele findet dieses Jahr vom 5. Juli bis 17. Juli im Haus der Berliner Festspiele und dem Martin-Gropius Bau statt.
Zum letzten Mal finden sich Künstler und Performer zusammen, um ihre künstlerischen Arbeiten zum diesjährigen Thema „uncertainity“ zu zeigen. Der Martin-Gropius-Bau widmet dem südafrikanischen Künstler William Kentridge eine umfassende Werkschau. An der Schnittstelle von Performance und Ausstellung tummeln sich vielseitige Formate und Events, die auf welche Weise auch immer „uncertain“ sein sollen. Das Thema „Unsicherheit“/ „Uncertainity“, so erklärt der Direktor des Festivals Matthias von Hartz in seiner Eröffnungsansprache, sei von William Kentridge inspiriert und würde weniger einen zeitgenössischen gesellschaftlichen Status quo der Angst ins Zentrum rücken, als vielmehr das Potenzial an Freiheit, das sich in unsicheren Verhältnissen verbirgt. Das Freiheit sich vor allem über Selbstbestimmung herstellt und Sicherheit dafür ein unverzichtbares Gut ist, wird beiseite gelassen. Weiterlesen